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Irina Spira: Die rebellische Queen des Berglaufs

Dieses Jahr wird sie 74. Sie war bei beiden Ausgaben des SPORTLER Vertical Innsbruck dabei und letztes Jahr auch beim SPORTLER Vertical Bozen. Sie war stets die älteste Teilnehmerin, und kam stets bestens gelaunt ins Ziel. Hochachtung! Und Neugierde: Wie schafft man so eine Leistung in diesem Alter? Wir haben Irina Spira zu einem Interview eingeladen.

Frau Spira, es freut mich sehr, dass Sie sich für unser Interview Zeit genommen haben. Möchten Sie sich kurz vorstellen?

Sehr gerne. Ich heiße Irina Spira und bin 1944 in Rumänien geboren. Seit der Kindheit bin ich Leistungssportlerin: zuerst Eiskunstlauf, dann Extrembergsteigen, dann habe ich als erste Frau in den Karpaten die damals schwierigste Klettertour gemacht (6b). Irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, die erste Frau auf dem Everest sein zu wollen: Daran habe ich mein ganzes Leben orientiert. Mein zweiter großer Traum war es, Schriftstellerin zu werden, Bestellerautorin. Deshalb habe ich auch Rumänische Sprache und Literatur studiert. Leider konnte ich wegen der Diktatur in Rumänien keines meiner Ziele verfolgen. Also beschloss ich, zusammen mit meinem Kletterpartner, zu flüchten.

Als Flüchtling in Österreich angekommen musste ich mir meinen Lebensunterhalt mit 15 Stunden putzen am Tag verdienen. Der Alpenverein glaubte nicht an meinen Traum vom Everest, und alleine konnte ich mir die Ausrüstung nicht leisten. So kam es, dass 1975 die erste Frau den Everest bestieg. Aus der Traum. Das ist der größte Schmerz meines Lebens, deshalb werde ich nie wirklich glücklich sein.

Wie ging es dann weiter mit Ihrem Leben?

Ich habe mich auf die Literatur konzentriert, wobei ich zuerst sogar von einer romanischen Sprache in eine germanische wechseln musste. Ich habe Bücher und Theaterstücke geschrieben, eines davon wurde in Australien uraufgeführt. 1982 bin ich für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert worden, den ich dann aber nicht bekommen habe. Ich war enttäuscht.

Daraufhin habe ich mich ins Medizinstudium gestürzt. In der Zeit jobbte ich als Kellnerin und war Teil der österreichischen Nationalmannschaft in Berglaufen. Warum genau dieser Sport? Da ich mir immer noch keine Kletterausrüstung leisten konnte, habe ich mich für eine Sport entschieden, den ich mit wenig Ausrüstung ausüben konnte. Am Anfang gab es noch keine Wettkämpfe, nur lange Märsche. Zum Beispiel der Karwendelmarsch (52 km), an dem ich elf Mal teilgenommen habe und sechs Mal als Siegerin hervorgegangen bin.

So sind Sie also zum Berglaufen gekommen?

Genau. Dann kam noch ein Schicksalsschlag hinzu, der mich mit dem Laufen noch mehr zusammenbrachte: Diagnose Krebs. Nach einer Operation habe ich mich selbst so behandelt, wie ich es mir vorstellte, ohne Chemotherapie oder Bestrahlung, die mir das Immunsystem zerstören. Es war ein sehr schwerer Kampf, doch ich habe ihn gewonnen. Meine Medizinerkollegen waren nicht einverstanden, doch ich habe das Risiko auf mich genommen.

Wie konnten Sie den Krebs besiegen?

Mit einer wilden Methode: Mit laufen bis zum Umfallen, um mein Immunsystem zu stärken. Nach der Operation bin ich gelaufen, wann und wo immer ich konnte. Denn beim Laufen schwitzen wir und für den Körper ist das so, als ob ihn ein Virus befallen hätte und er wird deshalb stärker. D. h. ich habe versucht, meinem Körper beizubringen, die Krebszellen zu erkennen; ich hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. Nach meiner „Kur“ bin ich stärker denn je in die Laufszene zurückgekehrt. Es war ein Neubeginn für mich, ein neues Leben.

Was schließen Sie daraus?

Das Geheimnis, um gesund und fröhlich zu bleiben, und um lange und gesund zu leben ist: ein Mal am Tag am ganzen Körper zu schwitzen. Das kann man mit Sport oder Sauna oder Sex erreichen. Dann ist unser Immunsystem sehr aktiv. Und stark. Ich habe zum Beispiel seit Jahren keine Grippe mehr. Und auch die Gemütssituation ist eine ganz andere: Die Endorphine, die ausgeschüttet werden, geben mir das Gefühl, alles ermöglichen zu können. Eine Harmonie, die wir uns selbst schaffen können.

Wie sieht Ihr Alltag aus mit fast 74 Jahren?

Ich bin seit vielen Jahren in Innsbruck als Dolmetscherin tätig und arbeite zudem in der Forschung der Molekularbiologie. 14 Stunden Arbeit am Tag sind keine Seltenheit; mein Ziel ist es, bis ich 100 Jahre alt bin in Vollzeit zu arbeiten. Meistens trainiere ich also in der Nacht mit der Taschenlampe, denn bei mir vergeht kein Tag ohne laufen, ohne Schwitzen. Am liebsten laufe ich bergauf, denn flach laufen ist nach meiner orthopädischen Erfahrung tödlich für die Kniegelenke.

Halten Sie eine besondere Diät ein?

Nein, ich esse und trinke, was ich will. Ich muss leider Kalzium nehmen, weil ich alt bin. Wegen der Osteoporose. Kalzium und Bewegung sind wichtig bei Osteoporose: Die Bewegung aktiviert den Körper, damit er imstande ist, Kalzium in die Knochen zu integrieren.

Was halten Sie von Leistungssport?

Wenn man talentiert ist für einen Leistungssport, dann muss man auch alles dafür tun und den Rest aufgeben: keine Freunde, kein Kino, nur Sport. Mit dem Risiko, dass man ganz nach unten fällt. Damals, als ich als Kind Eiskunstlauf gemacht habe, ging ich nicht zur Schule, das war nur Zeitverschwendung. Heutzutage sage ich ja zu Leistungssport, aber nur, wenn man selbst davon überzeugt ist und nicht durch Mutter, Vater oder Trainer dazu gezwungen wird. Man muss davon besessen sein, so sehr, dass man ohne diesen Sport nicht mehr leben kann.

Sind Sie glücklich?

Mein Lebensmotto lautet ‚Im Leben zählt nur der erste Platz, alles andere ist Zeitverschwendung‘. Deshalb wäre es für mich besser gewesen, wenn ich in einem Schneesturm auf dem Weg zum Everest (als erste Frau) gestorben wäre, als dieses Leben zu führen mit einem zerstörten Traum. Denn ich bezeichne dies als Ersatzleben. Aber ich mache das Beste daraus. Ich bin zwar nicht glücklich, aber ich bin ein zufriedener Mensch. Ich halte mich mit dem Laufen gut gelaunt und gesund.

Wie sieht Ihr Wettkampfplan für 2018 aus?

Wie immer werde ich versuchen, bei so vielen Bergläufen wie möglich dabei zu sein. Pro Jahr nehme ich an 30 bis 40 Rennen teil, sprich wann immer ich kann. Im Sommer ist am meisten los, da bin ich fast jedes Wochenende bei einem Wettkampf dabei. Voraussetzung ist, dass die Hin- und Rückreise innerhalb eines Tages machbar ist, denn ich muss wegen meiner Rolle als Dolmetscherin bei Gericht immer einsatzbereit sein. Und er soll so steil wie möglich sein, damit ich die Knie nicht strapaziere. Am besten auf weichem Boden im Wald. Vor allem bergab soll der Untergrund nicht hart sein.

Der schönste Berglauf für Sie?

Der Karwendel-Berglauf im Mittenwald (11 km Länge, Höhendifferenz 1.462 m). Das ist meine Leidenschaft. Die Aussicht ist so wunderschön und die Strecke so herausfordernd, dass man alles geben muss. Für mich ist das das Schönste, was es gibt.

Ist Ihr Hut während der Rennen ein Markenzeichen?

(lacht) Nein, ich muss aus medizinischen Gründen meinen Hinterkopf schützen.

Wie lang können Sie laufen?

Mit mäßigem Tempo kann ich etwa drei Stunden am Stück laufen. Was ich leider nicht mehr sollte, jetzt wo ich alt bin, ist sprinten. Ich könnte, aber ich will das nicht, weil ich bis 100 laufen will. Das ist mein Ziel. Oft habe ich den Wunsch zu sprinten, wenn ältere Männer, die teilnehmen, mich überholen wollen. Aber mir tun sie dann leid und ich lasse sie vor mir ins Ziel laufen. Man(n) soll vernünftig sein in so einem Alter: Es geht schließlich nicht mehr um die Leistung, sondern um das Vergnügen.

Auf die Frage nach Ihrer E-Mail-Adresse haben Sie mir eine Adresse der Uni Innsbruck gegeben. Wie kommt das?

Ich studiere jetzt Rechtswissenschaften, denn ich will im Gerichtssaal alles perfekt übersetzen. Außerdem habe ich einen Behindertenausweis wegen meiner Krebserkrankung und bezahle deshalb keine Studiengebühren. Sehen Sie, es gibt immer auch die gute Seite, man muss alles mit Humor nehmen.

Dazu möchte ich abschließend noch etwas Lustiges erzählen: Ich war im Zug zum Kitzbüheler Horn Berglauf und habe dem Schaffner meinen Behindertenausweis zeigen müssen. Als wir in Kitzbühel angekommen sind, hat er mir beim Aussteigen geholfen. Und ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht loszulachen, denn er wusste ja nicht, dass ich gleich beim Berglauf mitmachen würde. Ich habe mich auf jeden Fall sehr herzlich bedankt bei dem netten jungen Mann. Aber danach musste ich lauthals loslachen und die Leute haben sich alle nach mir umgedreht.

Auch Mann kann

Bei der 3. Ausgabe des SPORTLER Vertical Bozen war auch der gleichaltrige deutsche mehrmalige Berglaufweltmeister Helmut Reitmeir dabei. Er selber ist in der Berglaufszene international bekannt.

Kennen Sie Irina Spira?

Ja, sie ist eine ganz tolle Frau. Schon oft stand ich mit ihr im Starterfeld. Sie ist psychologisch sehr willensstark, gibt nie auf, erkennt aber objektiv – sprich nicht negativ – ihren Leistungsrückgang an, obwohl es immer noch erstaunlich ist, wie gut sie am Berg hoch kommt. Bewundernswert.

Bitte erzählen Sie uns über Ihre Erfolge.

Es ist sicher schwierig, bei meinen vielen Bergläufen die „Wichtigsten“” zu nennen. Wenn man sechs Mal den Jungfrau Marathon gewinnt und drei Mal Zweiter wird, ist das sicher von der Menge her schon bedeutend für mich gewesen, auch achtmaliger Sieger beim Zugspitz-Extremberglauf ist nicht zu verachten. Aber auch kleine Bergläufe wie z. B. eurer bieten für mich nach wie vor eine gewisse Anziehungskraft. Außerdem will ich gar nicht bestreiten, dass man ebenso gerne Weltmeister wird.

Nie werde ich meine Teilnahme am schönsten, schwersten Ultraberglauf auf der Ile de La Réunion vergessen: Die Inseldurchquerung mit 125 km und ca. 8500 Hm up und down in 26 Stunden und 50 Minuten mit 56 Jahren, damit war ich zufrieden. Auf Hawaii (Haleakala) lief ich 3.100 Hm bei 56 km nur bergauf und schaffte den 10. Platz insgesamt mit 60 Jahren. Verletzung bei ca. 45 km, was mich heute noch wurmt. Aber das ist Sport.

Vielen Dank euch beiden für das Gespräch und weiterhin alles Gute!

Unser Fazit: Sport bzw. Bewegung ist wichtig, denn er hält gesund und munter bis ins hohe Alter. Wichtig ist vor allem die Freude und die Begeisterung, die man daran hat und die auf andere ansteckend wirkt.

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Onlineshop
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2018-06-07T15:29:14+00:00

2 Comments

  1. Cronenberg 19/03/2018 at 11:33 am - Reply

    einfach unfaßbar, mich frißt der Neid…….

    • Anna 09/04/2018 at 11:45 am - Reply

      Ja, Irina ist wirklich der Hammer!!!

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