Eine Frau wie du und ich – über und unter 8.000 m

>Eine Frau wie du und ich – über und unter 8.000 m

Ein Interview mit Tamara Lunger (31), einer der bekanntesten Frauen weltweit, was die Berg- und Alpinistenszene anbelangt. Die Südtiroler Alpinistin gibt uns einen Einblick in ihr Leben und macht Frauen Mut, zu sich zu stehen.

Liebe Tamara, herzlichen Dank, dass du dir für uns und unser Thema des Jahres „Frau am Berg“ Zeit nimmst. Wie siehst du „Frau“ und „Mann“ am Berg?

Ich denke, dass Frau und Mann den Berg unterschiedlich wahrnehmen. Frauen haben zum Beispiel Angst, dass sie es nicht schaffen. Zum Beispiel bei der Besteigung eines 8.000ers, aber auch im Allgemeinen. Viele neigen daher zur Aussage: ‚Ich bin eine Frau, also will ich auch als solche behandelt werden.‘ Sprich, sie will weniger schleppen (Material am Berg, A.d.R.). Ich glaube aber, dass diese Einstellung falsch ist. Genau aus diesem Grund will ich nicht als Frau gesehen werden, denn so degradiert man sich selbst, hat eine falsche, viel zu schwache Selbsteinschätzung. Deshalb sollte Frau sich immer sagen: ‚Ich kann das, und zwar genauso gut wie ein Mann.‘ Und wenn man etwas öfters tut, dann stellt sich der Körper auch darauf ein und schafft es.

Der Mann tendiert dazu, mehr auf Biegen und Brechen sein Ziel zu erreichen. Ich versuche hingegen immer, in mich hineinzuspüren, um zu verstehen, wie weit ich gehen darf, wo ich stehe, was ich noch schaffen kann.

Woher kommt deine Motivation für den Berg?

Ich liebe es, wenn es schwierig wird. Für mich liegt die größte Herausforderung des Bergsports im Höhenalpinismus; denn dafür reicht es nicht, fit und stark zu sein, zusätzlich müssen viele andere Faktoren passen. So zum Beispiel das Wetter, und ganz wichtig ist vor allem der Kopf. Wenn man negativ eingestellt ist, braucht man jemanden, der einen rausreißt, sonst kommt man aus dem Gedankenstrudel nicht mehr raus. Schlecht gelaunt zu sein kostet Nerven und Energie.

Hast du einen Motivationstrainer?

Einen Motivationstrainer brauche ich nicht. Ich brauche eher jemanden, der mich bremst (Tamara lacht). Wenn ich am Berg bin, dann will ich nach oben. Zum Glück sagt dann Simone (Moro) zu mir: ‚Wir müssen mit dem Kopf Bergsteigen, nicht mit dem Herzen.‘

Was mir eine Wahnsinnsfreude beschert ist, wie weit man auf seinen eigenen Füßen gehen kann und wie viel man dabei sehen darf. Man kommt an Orte, die man mit dem Auto nie erreichen würde. Das fasziniert mich, man erlebt die Natur noch intensiver.

Was macht Freundschaft am Berg aus?

Jeder respektiert jeden. Jeder packt an, jeder macht alle Arbeiten. Wir sind ein Team. Somit spielt der Unterschied zwischen Frau und Mann keine Rolle. Nie. Wichtig ist, dass man dieselben Werte vertritt. Das hilft sehr.

Meiner Meinung nach funktioniert eine Seilschaft bestehend aus Mann und Frau sehr gut, weil sie sich mit ihren unterschiedlichen Ansichten ergänzen. Es ist keine Limitierung, sondern wertet das Ganze auf.

Simone und ich sind zum Beispiel schon sehr unterschiedlich, Kopf und Bauch wie gesagt, doch gleichzeitig teilen wir dieselbe Weltanschauung. Das macht uns als Team stark.

Wie reagiert man auf dich als Frau auf dem Berg?

Ich bekomme immer wieder Komplimente. Ich sei der ‚Stolz der Frauen‘ meinte man sogar zu mir. ‚Dank dir sieht die (Männer)welt, dass auch Frauen Großes schaffen können.‘

Frau und Badezimmer: Wie ist das mit Zähneputzen, Stylen etc. am Berg?

Mir fehlt nichts davon am Berg, keine Badewanne, kein WC, keine Dusche. Das primitive Leben, das man am Berg führt, macht viel zufriedener, und ich persönlich bin viel glücklicher mit dem Wenigen, das ich da zur Verfügung habe. Zu Hause hat man zum Beispiel die ganzen Küchengeräte inklusive Spülmaschine, das braucht man doch alles nicht. Am Berg hat man gar nichts und es geht trotzdem. Zähneputzen tun wir immer, manchmal eben auch ohne Wasser. Allerdings komme ich nach Expeditionen immer mit einer Rastafrisur nach Hause – meine Schwester muss dann mit dem Pferdemähnemittel ran.

Was ist mit der Periode einmal im Monat?

Ich habe Angst davor, weil es mir zu 90 % der Fälle passiert, dass sie kurz vor der Gipfelbesteigung einsetzt. Ich versuche dann, nicht daran zu denken. Es ist einfach nur umständlich, wie man sich vorstellen kann, vor allem wegen der Kälte und der ganzen Kleiderschichten, die man ausziehen muss. Der Körper weiß aber auch, dass er in Extremsituationen die Energie braucht, und hält sich mit der Blutung zurück. Zuletzt bleibt nichts anderes übrig, als das Bergabenteuer beinhart durchzuziehen. Übrigens: Auch der Gang zur Toilette ist als Frau eine Herausforderung auf bestimmten Höhen.

Wünschst du dir eine eigene Familie?

Nicht wirklich. Damals dachte ich noch, ich werde mit 20 verheiratet sein mit Haus und zwei Kindern. Im Moment kann ich mir das aber nicht vorstellen. Denn dann müsste ich das aufgeben, was mir gerade am meisten Freude macht. Das mag vielleicht egoistisch klingen, aber ich weiß auch nicht, ob ich eine geduldige Mama wäre, wenn ich immer das Bedürfnis hätte, Berge zu besteigen. Das Ziel ist doch, glücklich zu sein und etwas Schönes weiterzugeben. Und das kannst du nur, wenn du mit dir selbst im Reinen bist.

Gedanken und Ängste in schwierigen Situationen

Am Nanga Parbat habe ich den längsten Gipfelaufstieg erlebt, denn da braucht es viele Lager: 6 Tage, 5 Nächte. So wenig gegessen wie dort habe ich noch nie. Am Abend gab es nur 2-3 Löffel Fisch und hartes Brot, in der Früh einen Riegel, und während des Tages noch einen Riegel. Wir haben pro Kopf 5 bis 8 kg abgenommen. Dazu kann man auf diesen Höhen nicht schlafen. Ich nenne das dann eher rasten. Da habe ich gelernt, was der menschliche Körper alles aushalten kann. Er isst fast nichts, schläft fast nicht, schindet sich den ganzen Tag ab, und doch schafft er das alles. Das gibt Mut und das Wissen, dass alles machbar ist.

Bei der Traverse in Pakistan mit dem Schlitten (27 Tage) hatten mein Vater und ich die letzten Tage fast nichts mehr zum Essen und haben uns die verbleibenden Speckschwarten gekocht. Ich habe noch nie so Hunger gelitten. Einmal bin ich in der Nacht aufgewacht und wollte von der Ration meines Vaters ein paar Nüsse stehlen… Man wird fast zum Tier, der Überlebensinstinkt kommt raus. Nach so einem Abenteuer schätzt man wieder, dass man jeden Tag genug zu essen hat.

Angst vor Erfrierungen?

Ich hatte einen inneren Krieg am Lhotse: Zehen verlieren oder Sauerstoff verwenden? Damals entschied ich mich für den Sauerstoff und war im Nachhinein sehr enttäuscht von mir. Daraus habe ich gelernt, dass man nicht denken darf. D.h. wenn ich mir sage, dass alles gut ist und ich beinhart weitergehe, dann hat der Krieg im Kopf keine Chance. Entschlossenheit und Zielstrebigkeit sind die Lösung, mit jeder neuen Herausforderung wächst man weiter. Der Körper spielt mit, der Kopf ist in solchen Situationen unglaublich wichtig. So habe ich auch die gefühlten -58°C am Nanga Parbat ausgehalten.

Wie sieht deine Nahrung am Berg aus?

Wir nehmen immer etwas aus Südtirol mit: Speck, Schüttelbrot, Kaminwurzen, Käse. Wenn ich dabei bin, gilt die Regel: Kalt essen und warm trinken. Ich habe nämlich ein Problem mit den Fettaugen, die im Trinkwasser schwimmen – hier könnte man wohl sagen, dass die Frau etwas empfindlicher ist (Tamara lacht). Wenn mir mehrere Kochtöpfe haben, ist das kein Problem. Bis auf das Abspülen. Was die Männer in der Küche anbelangt, da verhält es sich in der Höhe gleich wie im Tal: Sie wollen nicht abspülen. Das mache also meistens ich. Es sei denn, ich bin zu kaputt, dann macht das Simone (Tamara zwinkert).

Ist die Südtiroler Kost nicht etwas schwer am Berg?

Es schmeckt einfach und es erinnert an zu Hause. Außerdem mag ich Fertiggerichte nicht. Vielleicht sollte ich mich mal wieder an sie heranwagen… Es gilt, je näher man am Gipfel ist, desto weniger isst man. Da kommen nur mehr Müsliriegel, Nüsse, Trockenfrüchte in Frage. Wichtig ist vor allem das Trinken: Über 5.000 m sollten es fünf Liter pro Tag sein.

Du bist auch Hubschreiberpilotin. Wie kamst du zum Fliegen?

Das hat mich immer schon fasziniert. Umso begeisterter war ich, als Simone mir vorschlug, es mir beizubringen. Ich liebe das Fliegen. Aber nicht nur mit dem Hubschrauber, sondern auch mit dem Paragleiter, da es dabei keinen Lärm gibt und ich die Natur voll und ganz genießen kann.

Zum besseren Verständnis: Der Kantsch (Kangchendzönga, A.d.R.) hat mich nämlich zur Verzweiflung getrieben. Ich war extrem enttäuscht darüber, wie sich dort in den letzten Jahren alles entwickelt hat: überall Müll, die Sherpas werden immer unehrlicher und sind nur mehr auf das Geld aus, es wird einem Essen und Gas aus dem Zelt geklaut. Das sind für mich keine Werte, die auf den Berg gehören, und ich muss zudem meine ganze Energie dafür investieren, das zwischenmenschliche Chaos auszuhalten… Deshalb musste ich einen neuen Weg für mich finden. Bei der einmonatigen Expedition im Oktober letzten Jahres in Indien war ich zusammen mit Aaron Durogatti mit dem Paragleiter unterwegs. Es war eine Trainingsexpedition: Fliegen, Bergsteigen, Laufen, Krafttraining. Wir haben gezeltet, selbst gekocht, sind mit den Adlern geflogen. Das hat mir meine Freiheit wiedergegeben.

Deine Freiheit?

Ich bin auf der Suche nach dem inneren Frieden. Deshalb muss ich meinen Weg ändern und informiere mich gerade über Seiten von Bergen, die noch nicht bestiegen wurden, und Berge, die eher abseits liegen, wo keine Menschen sind. Ich möchte in der nächsten Zeit nicht mehr so hoch hinauf, möchte etwas Unbekanntes versuchen, was sicher auch mehr Herausforderung bedeutet, weil man in solchen Gegenden, wie ich sie suche, alleine unterwegs ist. Ganz allein auf sich gestellt.

Hast du Vorbilder?

Nicht wirklich. Ich schaue nicht, was andere Menschen tun, ich will nicht mit ihnen wetteifern. Es ist eher so, dass ich immer mich selbst übertreffen will. Ich möchte immer ein bisschen weiter kommen. Das reizt mich, ist Teil meiner Motivation. Bei mir läuft das so ab: Ich verliebe mich in einen Berg und damit habe ich mein nächstes Ziel vor Augen.

Drei Dinge, die du immer auf den Berg mitnimmst

Eine Kette voller Anhänger. Das sind meine Glücksbringer, die mir Menschen geschenkt haben, die ich lieb habe.

Meine Leggings aus Alpakawolle, die mir meine Mama gestrickt hat bzw. wieder stricken wird, da meine erste vom Wind 2.000 Meter in die Tiefe geblasen wurde.

OPC sprich Traubenkernextrakt, ein Geheimmittel unserer Familie. Der ist für alles gut. Ich habe ihn in Form von Kapseln immer und überall dabei.

Auf welchem Berggipfel sollte jede Frau ein Mal in ihrem Leben gewesen sein?

Auf jenem, der sie anzieht. Außerdem ist für mich eine Bergbesteigung eigentlich nur dann ein Highlight, wenn keine oder wenige andere Menschen unterwegs sind. Fernab von Trubel und Lärm.

Liest du gerne, hast du ein Lieblingsbuch, einen Lieblingsautor?

Ich lese nicht gerne. Da bin ich zu faul dazu. Ich meditiere lieber.

Als ich 2014 mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus lag, habe ich allerdings das Buch von Simone über Winterbesteigungen gelesen. Er meinte, ich solle mich schon mal auf meine erste Winterbesteigung vorbereiten. Das Buch habe ich dann auch verschlungen, weil es so spannend war. Allerdings hatte ich danach auch echt Angst vor der Kälte, die mich am Berg erwarten würde… habe mich aber natürlich auch auf das Abenteuer gefreut.

Wie war das Schreiben deines eigenen Buchs?

Das war schwer, sehr schwer. Denn bei mir muss jedes Wort stimmen, jedes Wort hat seine Bedeutung. So musste ich total aufmerksam sein beim Schreiben und Durchlesen und wünschte mir nur, dass es bald vorbei sein würde.

Da ich Tagebuch schreibe – bei jeder Expedition kommt ein ganzes Heft zusammen – hatte ich einen Großteil des Inhalt schon parat; und 2014 im Krankenhaus hatte ich auch schon 70 Seiten geschrieben. Das Schreiben eines Tagebuchs ist wohl auch eher eine Frauensache.

Welches ist dein nächstes alpinistisches Ziel?

Die Alpen mit den Skiern zu überqueren.

Vielen Dank für das sehr persönliche Gespräch. Wir wünschen dir weiterhin alles Gute!

Interview von Magda M. Moroder

Dieser Artikel stammt aus unserem Alpine Magalog. Klicke dich durch den Magalog.

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2018-07-12T13:17:14+00:00

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